Tagebuch einer Dolomitendurchquerung mit Ski 11.03. - 18.03.2017

Im Jahre 2011 habe ich gemeinsam mit mehreren Kameraden aus unserer Sektion bei der Ernst'schen Dolomitendurchquerung teilgenommen. Diese traumhafte Tour bei schönsten Wetter und ausgezeichneter südtiroler Küche prägte sich tief im Gedächtniß ein. Bei der Suche nach einer eigenen, von mir organisierten Tour, fiel daher in diesen Jahr auf diese Region.

Wer die Gegend kennt im Winter , weiß um die Risiken einer solchen Durchquerung. Zum Zeitpunkt der Organisation der Unterkünfte weiß keiner um den folgenden Winter. Manchmal liegt auch in Südtirol der Schnee meterhoch übereinander, aber viele Jahre auch nur nebeneinander, wenn überhaupt, wie diesen Winter .

Der Termin für unsere Tour rückt heran . Das Studium einschlägiger Webseiten ergibt so gerade brauchbare Bedingungen und die Erkenntnis, dass auch oftmaliges Anklicken der Wetterberichte keinen Neuschnee erzeugt.

Bei schönen Wetter und leerer Autobahn ist die Anreise nach Waidbruck am Brenner rasch erledigt.

Bei 18 Grad plus und strahlenden Sonnenschein stellen wir unser Auto am Bahnhof ab , Schnee ist erstmal keiner zu sehen. Also derweil unsere erste Unterkunft aufgesucht, die kennen zwar die Einheimischen nicht, aber was solls . Der Vermieter ist auch nicht zu finden und so schleichen wir uns ins Haus und ebenso rasch wieder hinaus. Unsere Pension wirkt wie eine Absteige aus dem Jahr 1907, im Originalzustand, unrenoviert versteht sich. Hier ist was schiefgegangen! Also zurück in die Bahnhofsbar auf ein Zwischenbier. Beim Bier erfahren unsere Tischnachbarn von unseren Desaster und warnen uns vor dieser „ Bude“. Man sagt uns, nur 2 km entfernt befindet sich eine der zahlreichen Burgen an der Brennerstrecke, ausgebaut, unten Pizzeria und Restaurant, oben Fremdenzimmer im historischen Ambiente. Rasch ist alles erledigt und der Abend verläuft in unserer Burg wie erhofft, sehr zufrieden sinken wir in die Federn. (in der Folterkammer)

Das morgendliche Studium der Lawinenlage ergibt für den Norden Südtirols eine 4, für unsere Region immerhin noch eine 3 trotz der geringen Schneelage. Daher entscheiden wir, den ersten Abschnitt nach Corvara zu umgehen. Das ist schade, da diese Tour landschaftlich sehr reizvoll ist, aber auch gut für uns Flachländler, da 17 km und 1450 Hm am ersten Tag schon fett wären. Der Bus bringt uns nach Wolkenstein, Schnee erscheint und wir steigen entspannt anfangs im Skigebiet, später durch eine Waldschneise zum Grödnerjoch auf. Ein paar Schwünge später stehen wir unten in Corvara. Hier treffen wir auf Jens, der hier bereits seit 3 Wochen verschiedensten Skisport betreibt. Er wirkt bereits ein wenig wintermüde, aber unser Jens kann eben noch mehr. Nun ist die Truppe komplett, die Unterkunft perfekt und das Bier in der Sonne schmeckt.

Am darauffolgendem Tag geht es bei immer noch Warnstufe 3 endlich ins Gelände. Unser erster Gipfel, der Setsas (2574m) wird nur bis zum Vorgipfel bestiegen, da sich die Markierungen im Durcheinander von Felstürmen und Schneewehen verlieren. Unsere Abfahrt wird unverhofft genial, nach einer steilen Pulverrinne lädt ein lichter Lärchenwald zum Baumslalom ein. Bruchharsch und Eis geleiten uns auf den letzten Metern zu unseren Zeltplatz in Armentarola, wo wir unsere Ferienwohnung beziehen. Der Abend wird lustig, im Restaurant genießen wir die Köstlichkeiten unseres jazzversessenen Wirtes.

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Die Tour nimmt Fahrt auf, die Morgensonne lacht und gut gelaunt geht es aufwärts Richtung Fanes. Der steile Sommerweg zwingt uns im oberen Teil aufgrund mangelnder Schneeauflage, die Ski zu tragen. Auf dem Puez-Hochplateau geht’s wieder auf Ski Richtung Lavarella(3055m). Nach 2 Kletterstellen ohne Ski erreichen wir den imposanten Gipfel und genießen das Dolomitenpanorama.

Die Abfahrt verläuft über Pulver(Platten, Beton, Krusten und sonstiges) sowie Firn und ist landschaftlich sehr eindrucksvoll. Mit letzter Kraft erreichen wir die sehr komfortable Faneshütte, der Wirt lernt uns abends als Fressäcke kennen, Christoph verstoffwechselt gefühlt die halbe Hüttenküche.

Den kommenden Tag verbleiben wir auf der Faneshütte. 1750Hm und 17km zeigen ihre Wirkung, wir beschließen einen Ruhetag und beschränken uns auf 1000Hm und die Besteigung des nahegelegenen Zehners(3026m), Paul macht Hüttentag und lässt sich in der Hütte verwöhnen. Bald stehen wir am Fuße des Gipfels, ein steiler, luftiger Klettersteig geleitet uns zum riesigen Gipfelkreuz. Die Sicht reicht vom Alpenhauptkamm bis zum Ortler und wir verbringen einige Zeit mit Sehen und Staunen. Das Skigelände ist traumhaft, nur leider ist die Pulverauflage nicht allzu mächtig, wir fürchten um unsere Ski und gleiten eher vorsichtig zurück zur Hütte. Unterwegs treffen wir auf ein junges Pärchen, es meint für die Abfahrt ins nächste Tal benötige man sehr schmale Ski. Sie lachen darüber, am nächsten Morgen wissen wir warum. Die Fahrstraße ins Tal ist anfangs gut präpariert, löst sich aber bald in 2 sehr schmale Eisbänder auf. Mit allen Tricks gelangen die Skiathleten ohne abzuschnallen zu Tale, mächtigen Lärm mit den Ski erzeugend. Ein rascher Gegenanstieg auf einer steilen Militärstraße führt uns aufs traumhafte Senesplateau zur gleichnamigen Hütte. Es ist erst Mittag, so beschließen wir das Wetter zu nutzen, Rucksack erleichtert und Flüssigkeit zugeführt. Unser Ziel ist der Muntejela De Senes(2787m). Derart gestärkt erreichen wir rasch unseren Gipfel, eine heikle Steilpassage muß aber zuvor überwunden werden. Erstaunlicherweise liegt hier mehr Schnee, so daß die Abfahrt für alle zum Genuß wird, harte Passagen wechseln mit Pulver. Fröhlich schwingt die Skimeute zurück zur Hütte, jeden Hügel, jede Schanze mitnehmend. Auch hier bietet die gastliche Hütte wieder köstliche südtiroler Küche.

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Das Wetter ist weiter unser Freund, bei strahlenden Sonnenschein verlassen wir morgens die Hütte, gehen über das Senesplateau, der Seekofel geleitet uns zur gleichnamigen Hütte. Wenig später stehen wir auf der Ofenmauer und begutachten den Weiterweg, ein potentiell schneebrettgefährdeter Hang wird umgangen. Die zusätzliche Abfahrt wird genossen, bald wird aufgefellt und wir steigen durch besten Baby-Powder(den es hier eigentlich gar nicht geben dürfte)auf, Richtung Roßalm. Kurz überlegen wir des Pulvers wegen noch einen Zusatzaufstieg einzubauen, aber die Faulheit siegt über die Abfahrtsgelüste. An der Roßalm dann die Überraschung: mitten in der Wildnis ein uriger Bierausschank, von allen Seiten treffen die Tourengeher ein, wir lassen die Seele beim Getränke baumeln. Übermotiviert versuche ich zusammen mit Christoph einen düsteren Bachgraben abzufahren. Einige Rollen später stehen auch wir bei den anderen am Gasthof Brüggele. Unser letzter Anstieg zum Gasthof Plätzwiese ist etwas mühsam. In der Sonne verwandeln sich Schnee und Eis in Schmelzwasserströme, die munter unsere Ski umspülen. Der Nachmittag auf der Hüttenterrasse verläuft in gewohnten Bahnen, mit Kompass, Karte und Planzeiger bestimmen wir die umliegenden Dolomitengipfel. Wie immer verlassen die 2 Hüttenwirtinnen um 22.00 Uhr den Gasthof und übergeben uns die Herrschaft über den Tresen. Sie meinen wir könnten alles nehmen, sollten es aber ordentlich aufschreiben. Wir lassen uns nicht lange bitten und testen die Obstbrände.

Eine Stunde früher gehen wir am nächsten Morgen ans Werk, denn heute kommt die Königsetappe vorbei an den 3 Zinnen. Der Wettergott hat keine Kraft mehr, es ist bewölkt, milde und feuchte Luft hat unseren Schnee in eine zähe Pampe verwandelt. Die südseitige Abfahrt nach Schluderbach hält nur bis zur Hälfte Schnee bereit, also abwärts tragen die guten Ski. Im Tal ist es auch nicht viel besser, doch dann erscheint der ersehnte „Schneeschlips“ der Langlaufloipe mitten in frühlingshafter Umgebung. Im Taleinschnitt erscheinen die 3 Zinnen, gleichmäßigen Schrittes gehen wir durch das Rienztal den Zinnen entgegen. Unverhofft gut gelingt uns der steile Anstieg des Sommerweges hinauf aufs Hochplateau. Hier überholen wir 2 Frauen, die mit riesigen Rucksäcken ohne Ski oder Schneeschuh hüfttief einbrechend vor uns hergehen. Auf meine Frage wohin die Reise geht, ernte ich nur Schultertzucken. Glücklicherweise kehren beide bald um. Noch eine Steilstufe und wir stehen an der 3 Zinnenhütte und bestaunen das wohl prominenteste Dolomitenpanorama. Auch hier oben ist aller Schnee Gummi, es wird immer ungemütlicher. Wir verlassen den Aussichtsbalkon und fahren durchs Fischleintal Richtung Sexten ab. Die Abfahrt verlangt uns nochmal alles ab, Latschen, Steine und dazwischen zäher Gummischnee. Der übliche Langlaufloipenschneeschlips langt so gerade bis zur Bushatestelle. Rennend erreichen wir den Bus ins Pustertal , sofortiges Umsteigen in den Zug nach Franzensfeste und ebenso rasch in den Zug nach Waidbruck folgt. Unser Alex schafft es bei all dem Umsteigegetümmel auch noch für seine Kameraden einen Beutel Zielbier zu besorgen. 19.00 Uhr sitzen geduscht und geputzt wieder in unserer Wohnburg und feiern. Der Wirt macht uns wie bei der Anreise einen Freundschaftspreis: Übernachtung, HP, Wein und Getränke bis zum Ende= 40€! So läßt es sich leben, wir vergessen die Strapazen des letzten Tages. 5 Bergfreunde ziehen glücklich am nächsten Morgen in die Heimat, die Ski ein wenig zerkratzt.....

Meinen Dank möchte ich an die sehr homogene und ausdauernde Skitruppe richten , die auch bei den teilweise schwierigen Bedingungen nie Nerven und Lust verloren hat.

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Ski Heil, Mike Kühnel

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