Ein interessanter Tourenbericht von Agnes:

Tag 1 – Im Wandel der Jahreszeiten

Frühling in Dresden. Mir kommt es komisch vor mit den Langlaufski in der Hand in die Straßenbahn zu steigen, obwohl das im kein Problem sein sollte, denn sämtliche für die kommenden 3 Tage benötigten Sachen sind in dem kleinen 25 l Wanderrucksack verschwunden – in der Reduktion liegt die Kunst. Also lasse ich mich früh mit dem Auto zum Hauptbahnhof bringen, wo sich um 7:00 Uhr tatsächlich 9 weitere Skilangläufer einfinden. Mit dem Zug geht es erst nach Liberec. Schon kommt man sich nicht mehr so komisch vor, da hier plötzlich die Skifahrer aus allen Ecken quellen und in die Bahn nach Harrachov einsteigen. Bevor aber der erste Schnee zu sehen ist, dauert es noch eine ganz Weile. In Harrachov jedoch kommen wir mitten im Winter an.

 

Nachdem die ersten organisatorischen Dinge erledigt sind, z.B. Geld abheben am Automaten, wird der aufblühende Hoffnungsschimmer, tatsächlich mit dem Sessellift auf den Berg hinauf zu schweben, im Keim erstickt. Irgendwie wundert es mich nicht wirklich – wäre es dann noch eine Christian-Tour? Trotzdem schade, das Experiment LL-Ski und Rucksack im Vierersessellift - ich hätte es gern probiert.

So wenden wir uns von den technischen Verführungen ab und gehen flott das Tal entlang den Berg hinauf. Doch halt! So schnell geht es nicht: Aus der Januarerfahrung heraus werden zuerst die Ski gewachst. Selbst Egon’s Schuppenski bekommen eine Portion Steigwachs ab. Dass wir es hier ein wenig zu gut gemeint haben, fällt mir erst später bei den Abfahrten auf – auch das richtige Wachsen ist ein Lernprozeß, der Irrtümer beinhaltet.

Das Wetter meint es gut mit uns, Sonne & blauer Himmel begleiten uns hinein in die Riesengebirgslandschaft. Vielleicht ist es doch besser beim queren der verschiedenen Abfahrtshänge im Pulk zu gehen und nicht in Perlenkettenmanier? Mein besorgter Blick geht nach oben und scannt die Piste nach potentiellen Skiabfahrern ab, mein gleichzeitig begeisterter Blick geht in die andere Richtung und staunt über das herrliche Winterpanorama, was sich hier bietet.

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Kurz nach 14:00 Uhr erreichen wir die Mittagspausenbaude – die Stumpovka. Weiter geht es steil bergauf über eine große Hochebene in Richtung Elbfallbaude, letzteres ein Architekturklassiker der 70iger Jahre. Hier oben auf der Ebene sieht es tatsächlich genauso aus, wie auf den Bildern im Fotoalbum meiner Eltern aus Ihrer Studienzeit - nur - alles in Farbe!

An der Elbfallbaude treffen wir zum ersten mal an diesem Wochenende auf die Sektionsschneeschuhgeher, sie sind bereits am Tagesziel angekommen. So langsam dämmert es mir, dass wir hier offensichtlich noch lange nicht am Ziel sind und unsere Stirnlampen sicher zum Einsatz kommen werden. Aber bevor ich mir darüber weiter Gedanken machen kann, überqueren wir die erste Elbbrücke – genaues Zielen ist gefragt, um die schmale Holzbrücke mit dem darauf befindlichen Schneereststreifen zu treffen. Wieder geht es bergauf und am abschüssigen Hang querend wieder hinab.

Anspruchsvolles Skigelände durch eine fantastische Landschaft.

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Die Martinsbaude lassen wir links liegen, auch das ist noch immer nicht unser Tagesziel, aber die Sonne hat sich bereits verabschiedet und auch das Tageslicht geht in die Dämmerung über.

Am Ptaci Kàmen (1258m), dem Vogelstein, bricht die blaue Stunde komplett über uns herein und wir rüsten lichttechnisch auf. Im Schein der Stirnlampen queren wir unschwierig hinüber zu Baustelle der Petersbaude. Von da führt uns ein steiler Forstweg hinab in Richtung Spindlersmühle , wie eine Perlenschur leuchten die Stirnlampen.

Um 19:00 Uhr, eine Stunde hinter Christians Plan, aber immer noch gut in der Zeit, erreichen wir die Erlebachova Bouda. Warum habe ich ein Handtuch eingesteckt? Zum Glück habe ich über den Hüttenschlafsack nur nachgedacht, der wäre nämlich völlig überflüssig gewesen. Dass unter unter einer tschechischen Bauda etwas völlig anderes zu verstehen ist, als unter einer Alpenhütte, war mir jedenfalls bis hier her nicht klar.

Freitag: Harrachov - Erlebachova Bouda
Länge: 25km
Hinauf: 860hm
Hinab: 460hm

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Tag 2 – Auf die Hutspitze des Krakonoš

Wir starten, nach üppigem Frühstück, um 9:00 Uhr, erst wieder einmal den Berg steil hinauf. Einige zu Fuß – die Ski in der Hand, weil es kraftsparender ist, die anderen standesgemäß auf den Brettern, vorbei am Mali Sišak / der kleinen Sturmhaube über eine fantastische (mir gehen bald die Superlative aus) Hochebene, im schönsten Sonnenschein und bei Windstille. Was für ein Wetter, wohl eher selten hier oben - die Schneeverwehungen zeigen es deutlich. Auch hier oben muß man sich auf die Ski / die Spur konzentrieren.

Sprachlos ob der Schönheit dieser Landschaft und dem Ausblick bleiben wir stehen, als in der Ferne die Schneekoppe sichtbar wird. Das wird natürlich sofort kritisch kommentiert: „Ob wir denn schon wieder Pause bräuchten?“ Nein, wir müssen dieses Bild genießen und wahrnehmen. Direkt vor uns liegt die Lučni Bouda / Wiesenbaude, die wir um 11:00 Uhr erreichen und selbstverständlich zum ersten Tagesbier einkehren, denn bei „dem einen klebten die Ski, bei den anderen die Zunge am Gaumen.“ (Zitat A.G.) Dem mußte selbstverständlich Abhilfe geschaffen werden.

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Spätestens hier in der Wiesenbaude habe ich das Gefühl, durchaus auch auf einer Architekturexkursion zu sein. Jede Baude hier bringt seine eigene lange interessante Geschichte mit, in jeder Baude läßt sich die Geschichte am Gebäude selbst und auch anhand der vielen Bildern an den Wänden erfahren / ablesen. Für mich total spannend, wie es in dieser rauen Gegend zu so einer Baudendichte kommt, deren Größen mit den meisten Alpenvereinshütten in unserem nächstgelegenen Hochgebirge so gar nicht vergleichbar sind.

Die Wiesenbaude ganz klar auf den ersten Blick, ein Bau aus den 30iger Jahren, verrät zum einen, dass diese Gegend vor dem zweiten Weltkrieg deutsch besiedelt war und zum anderen ist der Größenwahn, typisch für die Architektur der Zeit, auch hier auf Anhieb ablesbar. So groß diese auf mich wirkt, der Blick auf die vielen Infotafel belehrt mich, der Plan war hier noch viel gigantischer – auch das ist typisch für diese Erbauungszeit.

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Nachdem der Durst und auch die mediale Notdurft gestillt wurden, geht es weiter über das Plateau in Richtung Schneekoppe. Das Wetter zeigt sich ebenfalls weiterhin ganz stabil von seiner besten Seite. Aber wo kommen denn plötzlich diese Massen an Menschen her? Als wir unsere Ski an der Schlesischen Baude, die einzige polnische Baude auf unserer Architekturexkursion, abstellen, sind wir inmitten eines Pilgerpulkes, der sich einer Schlange gleich den Berg hinauf windet. Offensichtlich ist die Schneekoppe ein von beiden Seiten gut erreichbares, jedoch heiliges Ziel, denn das Schuhwerk einiger Pilger hält nur mit einem festen Glauben an dem teilweise vereisten Untergrund.

Um 12:45 Uhr ist es geschafft, der Höhepunkt der Tour, wir stehen auf dem Schneekoppe, mit 1603 m der höchste Punkt des Riesengebirges. Auch hier oben - die Architektur sehr sehenswert, klar auch sofort erkennbar – die 70iger Jahre – die Zeit in der mit dem Betonschalenbau und den damit möglichen Formen gespielt wurde. Für mich sieht es aus wie drei überdimensionierte Muscheln. Leider ist diese Baude wohl seit einiger Zeit geschlossen. In der höchstgelegenen tschechischen Poststation drängeln sich die Pilger und wollen Postkarten verschicken. Wir lassen das alles nach einer gemäßigten Gipfelpanoramapause hinter uns und steigen in die polnische Richtung hinab um in der Schlesischen Baude wieder einmal ein wohlverdientes Bier zu trinken. Heute geht es wirklich gemütlich zu.

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Für den Rückweg nutzen wir die polnischen Seite des Silberkamms, zuerst bis zum Mittagsstein, dessen Kletterbarkeit von Andreas auch sofort getestet wird. Mitten im Schnee laufend, schiebend, fahrend, blicken wir weit in das polnische grüne Becken hinein. Dort unten beginnt der Frühling.

Doch bevor sich dieser schöne Tag dem Ende neigt, nach der letzten steilen Tagesabfahrt wird natürlich auch noch ein Blick in die Jugendkammbaude geworfen. Selbstredend nicht vordringlich wegen der auch hier deutlichen 30iger-Jahre-Architektur, sondern zum Testen des sonnengelben Hopfensaftes.

Zum Abendessen wurde sich mit den Schneeschuhgehern der Sektion in der Spindlerbaude verabredet. Leider war diese Organisation nicht ganz ausgereift, so dass wir wohl zwar im selben Raum speisten, jedoch an weit entfernten Tischen.

Samstag: Erlebachova Bouda - Schneekoppe
Länge: 20km
Hinauf: 660hm
Hinab: 660hm

Tag 3 – Hinfallen, Aufstehen, Krönchen richten, Weiterfahren

Der letzte Tag beginnt fürchterlich: Mit regelmäßiger Gleichmäßigkeit hört man Wassertropfen auf das riesige Blechdach tropfen. Am Abend noch abgetan mit „Das ist der tauende Schnee.“ begleitet uns dieses Geräusch durch die ganze Nacht. Wir kommen zu dem Schluss: Das muss Regen sein und ziehen die Decke lieber nochmal über den Kopf - und dass, wo ich zu Gunsten der Gepäckreduzierung und mit einem Seitenblick auf die Wetteraussichten das Regenequipment zu Hause gelassen habe.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits bei dem rührigen Küchenpersonal nach einer großen Mülltüte fragen und den Rückweg als wandelnde Abfalltüte bewältigen. Zum Glück kommt es anders!

Beim Start weht nur noch ein kräftiger Wind und der erscheint im Vergleich zu den anderen im Geiste skizzierten wettertechnischen Umständen eher harmlos. Geregnet muss es aber doch haben in der Nacht, die Schneeoberfläche hat eine geglättete vereiste Oberfläche. Demzufolge gibt es kurz nach dem Losgehen gleich den ersten Stopp, Ski wachsen. So lässt sich der Anstieg zur Baustelle Petersbaude einigermaßen vernünftig bewältigen. An der Petersbaude fallen zwei Entscheidungen: Die gegen die Kammvariante – schade, aber in Anbetracht des Windes wohl vernünftig & einer trifft für sich die Entscheidung umzukehren und mit dem Bus nach Harrachov zurück zu fahren. Für ihn offensichtlich eine Erleichterung, für uns sehr schade – einer fehlt – so sind wir nur noch 9. So geht es dieses Mal bei Tageslicht zuerst zum Vogelstein und hinab in Richtung Martinsbaude. Leichter geht es, die Ski wieder ein Stück zu tragen, jeder wählt hier seine Vorzugsvariante, so dass wir pünktlich um 11:00 Uhr in der Martinsbaude einkehren UND – ja richtig – das erste Bier trinken.

Hier wird philosophiert ob Martina Navrátilová in dieser Hütte gezeugt oder geboren wurde. Fest steht, sie ist hier aufgewachsen und hat Ihren Namen auch dieser Baude zu verdanken.

Bevor das zweite Bier auf dem Tisch steht, geht ein Teil der Gruppe schon mal in gemäßigtem Tempo weiter den Berg hinauf der Elbfallbaude entgegen. Die Biertrinker haben uns schnell eingeholt. Die Elbfallbaude mit der ersten Elbbrücke und der freiliegenden und korrodierten Betonbewehrung (Berufskrankheit) streifen wir wieder nur und laufen direkt weiter in Richtung Vosecka Bouda. Hier oben auf der Hochebene ist wieder volle Konzentration gefordert – die Schneeoberfläche ist vereist, das Bremsen und Ski unter Kontrolle halten schwierig.

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Auf dem Weg hinab zur Vosecka Bouda mache ich mehrfach Bekanntschaft mit dem weißen kalten Untergrund – mein persönlicher Tiefpunkt – besonders bei dem Gedanken, dass wir heute noch ca. 600 hm hinunter müssen! Zum Glück ist gerade jetzt weit und breit keiner zu sehen, vier sind weit vor mir, vier sind hinter mir, also: Aufstehen, Krönchen richten Weiterfahren! Zum Glück wird der Schnee immer sulziger, weicher, je tiefer wir kommen – so läßt es sich besser bremsen.

13:00 Uhr Vosecka Bouda – Mittagspause.

Ein letztes Mal geht es hinter der Vosecka Bouda den Berg hinauf auf den Muldenkamm, der die Grenze zwischen Tschechien und Polen bildet. Zwar ist es kein offizieller Weg, dennoch gut zu erkennen, da eine deutliche Spur den Weg weißt. Jetzt geht es nur noch hinab, mal etwas steiler, mal flacher, jedoch immer hinunter, nur noch hinunter...

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An welcher Stelle wir die Grenze zwischen Polen und Tschechien wieder auf die tschechische Seite zurück querten, ist mir nicht aufgefallen. Zu letzt die Loipe nutzend, sausen wir dem Bahnhof Harrachov entgegen, der Schnee reicht genau bis hierher. Gegen 16:30 Uhr wird die Bahnhofskneipe in sekundenschnelle in einen „Umkleidebereich“ verwandelt. Offensichtlich bin ich nicht die einzige, die bei den sulzigen Abfahrten nasse Füße bekommen hat. Die Zeit reicht auch noch um das Wiedersehen mit unserem Busfahrer und den Abschluss der erfolgreichen 3-Tages-Tour mit einem oder auch zwei Bier zu begießen. Punktgenau ist das letzte Glas geleert zur Zugabfahrt 16:57 Uhr ab Harachov.

Statistische Betrachtungen des Wochenendes beim wirklich allerletzten Scheidebier im Zug: Wir haben 8 Riesengebirgsbauden besucht – an der 9. sind wir lediglich 2x vorbeigelaufen! Beinahe könnte man denken, wir waren auf Architekturtour, aber bei Lichte betrachtet haben wir pro Baude je nach Person 2 bis 3 Bier getrunken. So ist schlussendlich festzustellen – das Gleichgewicht von Bier- zu Schneemenge blieb das ganze Wochenende gewahrt!

Zufrieden könnte man jetzt die Füße hochlegen, wenn es keinen stört: „Ach weeeess`te, in unserer letzten Kneipe, lagen meine Socken auf dem Tisch!....“

Sonntag: Erlebachova Bouda - Harrachov (über Isergebirge)
Länge: 26km
Hinauf: 400hm
Hinab: 800hm

Mehr Bilder gibt es hier.

Kommentare (4)

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  • @Egon _Werbeveranstaltung tschechischer und polnischer Bierbrauer_ - War es nicht so??? ;-) Gruß Agnes
  • Egon, Du solltest noch erwähnen, das besagter Tscheche extra einen Umweg über Harrachov gefahren ist!
  • Ein sehr schöner Bericht! Jedoch zwei Hinweise: Außenstehende könnten denken, dass wir auf einer Werbeveranstaltung tschechischer und polnischer Bierbrauer gewesen wären und meine individuelle Rückfahrt vom Spindlerpass nach Harrachov erfolgte nicht mit dem Bus, sondern im Familien-PKW eines superfreundlichen und uneigennützigen Tschechen aus Prag.
  • Sehr schön! Noch zwei kleine Korrekturen.

    Muscheln? Das sind doch eindeutig Ufos, die auf der Schneekoppe gelandet sind. ;-) Und es waren 2 polnische Bauden. Das ehemalige Jugendkammhaus Rübezahl liegt ebenfalls in Schlesien.